Der Carneval von Barranquilla ist der größte in Kolumbien und angeblich der zweitgrößte Südamerikas nach Rio, seit 2003 immaterielles Weltkulturerbe der Unesco.
Das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Bereits 10 Tage vor dem Ereignis besorgten wir uns Karten für eine der Zuschauertribünen, um im Schatten sitzend drei Nachmittage das Spektakel beobachten zu können und einen sicheren Stellplatz für unseren Sunny.
In der Faschingssonntagsnacht besuchten wir den „Tanz in den Gassen“- ohne Kameras, ohne Handy, ohne jegliche Wertsachen. Waren die Zuschauer auf den Tribünen doch recht verhalten wurde hier getanzt auf engstem Raum was nur ging. Die zwei Bier, die im Eintritt dabei waren und Unmengen weiterer Alkohol taten der Stimmung keinen Abbruch. Wir, als echte Faschings- und Tanzmuffel suchten da bald wieder unseren Sunny auf, der jedoch auch von 2-3 Straßenlautsprechern bis in die frühen Morgenstunden beschallt wurde. Am Faschingsdienstag fand dann noch ein Umzug durch die Straßen von Barranquilla statt, der kostenlos anzusehen war.

Auf dem Weg zu unserem Tribünenplatz passierten wir einen Polizei-Einsatzwagen der „Antidisturbios“, die aber zumindest in unserer Nähe keine größeren Einsätze hatten.

Wolfgang auf der beschatteten Tribüne. Bei 33 Grad und keinem Wölkchen weit und breit waren wir sehr froh über das Sonnensegel.

Die breite Umgehungsstraße war für die verrückten Tage zum Cumbiadrom verwandelt worden.

Marimondas und noch mehr Marimondas. Die wahrscheinlich typischste Figur des Karnevals von Barranquilla. Es heißt, diese Verkleidung wurde einst von einem mittellosen und feierlustigen Kolumbianer erfunden, der sich die teuren Verkleidungen nicht leisten konnte und sich sein Kostüm selbst fabrizierte. Heute in diversen Variationen zigfach kopiert.

Ebenfalls eine typische Figur: die Negrita (kleine Negerin) Puloy. Ursprünglich eine Werbefigur für - nein, nicht für Coca Cola - sondern venezolanisches Waschmittel, hat sie in den 1960er Jahren ihren Weg in den Karneval gefunden.

Sogar ein waschechtes Rhönrad war zu sehen. Den Akteur kennen wir nicht.

Es gab Guerrilleros…

…Popeye…

…vollgekackte Riesenbabies in Windeln…

…anmutige kokette „Frauen“ in sehr engen Kleidern…

…schwarze Weiße…

…und echte Afrokolumbianer, die zu heißen afrikanischen Rhythmen wilde Tänze hinlegten.

Ausgeschlossen an der aktiven Teilnahme wurde keiner.
Sie bekamen Extra-Applaus und das zu recht.

Ob alt…

… oder jung, …

…ob dünn…

… oder kurviger.

Wer aber dabei war, der musste mit Disziplin alles geben und auch von den kleinsten durfte keiner „aus der Reihe tanzen“.

Natürlich gab es nicht nur attraktive Tänzerinnen.

Unzählige Königinnen und Könige zogen an uns vorbei.

Teils waren die Kostüme, Frisuren und vor allem die Schmicke sehr aufwändig.

Diese „Cabezones“, die Großköpfe, seien von einem deutschen Geschäftsmann in den Karneval von Barranquilla eingeführt worden.

Heer und Marine waren ebenfalls vertreten und marschierten, wie das Streitkräfte halt so machen, im Gleichschritt zu langweiliger Marschmusik.
Von den kolumbianischen Zuschauern bekamen sie “standing ovations“.

Hier war schon mehr Rhythmus dabei. DIE typische Musik des Karnevals, trotz all des Sambas und Latino-Pops mit was-weiß-ich-wievielen Dezibeln aus riesigen Lautsprechern, ist die Cumbia. Cumbia wurde in der kolumbianischen Karibik erfunden und war in ihrer recht ursprünglichen Form zu hören: Afrikanische Trommeln, Maracas, eine Flöte, manchmal auch Klarinette, das Ganze ohne elektronische Verstärkung.
Es hörte sich recht afrikanisch an.

Im Gegensatz zur Musik erinnerten uns die Trachten der Tanzgruppen ehr an spanischen Flamenco.

Oft tanzten die Damen mit einer Flasche Aguardiente (Zuckerrohrschnaps, neben Bier DAS Getränk im Karneval) auf dem Kopf….

…oder einem Bündel Kerzen in der Hand.

Manche der Gruppen hatten sehr farbenfrohe Kleider und zeigten wenig Haut

Ein weiterer typischer Tanz nennt sich „Congo“. Besonders die Männer dieser Gruppen sind sehr bunt gekleidet, mit hohen Hüten und laufen macheteschwingend in Zweierreihen zu afrikanischen Trommeln in Schlangenlinien oder Kreisen.

Dazwischen immer wieder fantasievolle individuelle Kostüme und Akteure.

Weitere große Cumbia-Formationen.

Immer wieder dabei: La muerte, der Tod, stets versuchend, sich mit seiner Sense Tänzer oder auch Zuschauer zu angeln.

In ganz Südamerika während des Karnevals (nicht nur bei den Kleinen) beliebt: Schaum in Sprühflaschen.

Wenn man nicht aufpasst, dann sieht man so aus:

Oder man wird von einem der Mehlbeutel getroffen.
Irgendwie waren wir stolz, dass wir es ohne diese Panade durch alle 4 Tage und Nächte geschafft haben.

Nach 4 Paraden in glühender Sonne und durchtanzten Nächten stellte sich dann am Dienstag allgemeine Erschöpfung ein.

Wir brauchten auch erst einmal ein paar Tage Karibikstrand, nicht nur um unsere Ohren, die wir mit Gehörschutz versorgt hatten, auszuruhen, sondern um aus der Unmenge (über 2500) von Fotos, die sich auf den Speicherkarten angesammelt hatten, diejenigen auszuwählen, die wir euch in diesem Blog zeigten.
Wir dürfen verraten: Die Auswahl fiel uns ziemlich schwer.

Resümee:
Es stellt sich bei diesen Fotos echt die Frage, ob wir nun auf unsere alten Tage zu Faschingsfans mutiert sind.
Antwort: definitiv nein!
War es dann aber den ganzen Aufwand und die Kosten (v.a. für Sunnys Stellplatz) wert, das Karnevalsspektakel von Barranquilla miterlebt zu haben?
Antwort: definitiv ja!